DeafSpace – Bauen für Hörgeschädigte

Stellen Sie sich ein Gebäude vor, in denen einzelne Stockwerke über viele Sichtachsen mit viel Glas miteinander einen Raum bilden. Stellen Sie sich Korridore mit gläsernen Ecken vor, durch die Sie sehen können, wer Ihnen entgegenkommt. Stellen Sie sich breite Rampen vor, die zwei entspannt nebeneinander hergehenden Personen mehr als genug Platz lassen. Stellen Sie sich großzügige Räume vor, in denen Sitzgelegenheiten und Tische im Kreis angeordnet sind. Stellen Sie sich Farbwelten vor, die kontrastreich sind, das Auge aber dennoch entspannen. Stellen Sie sich eine Beleuchtung vor, die Räume und Gesichter gleichmäßig und ohne Schatten ausleuchtet.

Gefällt Ihnen, was Sie vor Ihrem inneren Auge sehen? Können Sie sich vorstellen, sich in solchen Räumen aufzuhalten oder dort zu wohnen? Es sind Räume, die nach den Prinzipien des DeafSpace Designs gebaut und gestaltet sind. DeafSpace ist ein architektonisches Konzept, das vor einigen Jahren von Hansel Bauman an der US-amerikanischen Gallaudet University in Northeast Washington. D.C. entwickelt wurde. Mittlerweile wurden mehrere Gebäude auf dem Campus nach diesen Prinzipien umgesetzt.

Architektur für visuelle Sprache und Kommunikation

Mit DeafSpace Design wurde endlich programmatisch eine Form des Bauens aus der Taufe gehoben, die die ästhetischen, sensorischen und kommunikativen Bedürfnisse und Belange von Hörgeschädigten in den Mittelpunkt stellt. Dass Hörgeschädigte aufgrund der visuellen (Gebärden)Sprache andere Voraussetzungen für individuelles Wohlbefinden, soziale Interaktion und Gemeinschaftsbildung benötigen als Nicht-Hörgeschädigte, lässt sich schon an ganz alltäglichen Situationen zeigen.
Eine Tür, die Sie nicht ohne Einsatz der Hände öffnen können, wird da schnell zu einer Behinderung im Kommunikationsfluss mit einer Freundin, in einem zu knapp bemessenen Raum haben gebärdende Anwesende nicht genügend Platz zum visuellen Sprechen, mangelnde Kontraste in der Ausgestaltung der Räume machen es schwer, sich auf die Gesichter der Anderen zu konzentrieren oder eine ungünstige Beleuchtung macht Lippenlesen unnötig anstrengend oder ganz unmöglich.

DeafSpace Design für individuelles Wohlbefinden

DeafSpace berücksichtigt aber nicht nur kommunikative Parameter, die das Gebärden – ein Netzwerk von österreichischen Gebärdendolmetscher*innen hat sich treffenderweiser den Namen „HANDlaut“ gegeben – mit sich bringt. Bei DeafSpace geht es auch um individuelle Belange wie dem Wunsch nach Sicherheit, nach Identität und nach Community-Building. Sich in seiner Umgebung sicher zu fühlen ist als menschliches Bedürfnis universell, bedeutet für Hörgeschädigte und Nicht-Hörgeschädigte architektonisch aber etwas ganz anderes.

DeafSpace: die besondere Architektur

DeafSpace: Innenräume gestalten. © istockphoto.com/runna10

Nicht-Hörgeschädigte fühlen sich zum Beispiel in geschlossenen Räumen sicher, weil über den Hörsinn Kontakt zum Außenraum besteht und Gefahren, die von dort kommen, über das Hören erkannt werden können. Hörgeschädigte operieren und kommunizieren hingegen visuell. Sie fühlen sich in geschlossenen Räumen eher isoliert und dem Geschehen ausgesetzt, weil der Außenraum für sie nicht hörbar ist. DeafSpace arbeitet daher mit viel Glas und klaren Sichtachsen, um die Situation für Hörgeschädigte einsehbar zu machen und barrierefreie Kommunikation über Räume und Stockwerke hinweg untereinander zu ermöglichen.

Räume für kulturelle Traditionen

Mit architektonischen Eingriffen ermöglicht DeafSpace aber nicht nur die visuelle Kommunikation. Ein Gebäude, das nach diesen Prinzipien gebaut oder umgebaut wurde, würdigt auch die kulturelle Tradition der Gebärdensprache und die Community der Hörgeschädigten. So beginnt die Geschichte der Gebärdensprachen – wie die Geschichte der Lautsprachen – bereits in der Antike. Die modernen Gebärdensprachen haben sich Anfang des 19. Jahrhundert im Rahmen pädagogischer Bemühungen um hörgeschädigte Kinder herausgebildet.

Aber auch ohne historische Bezüge ist die Notwendigkeit von barrierefreien Gebäuden für die individuelle und kollektive Identität von Hörgeschädigten einsehbar: für viele Hörgeschädigte ist die Gebärdensprache die Muttersprache, die Lautsprache hingegen eine Fremdsprache. DeafSpaces sind für Hörgeschädigte muttersprachliche Territorien in einer Gesellschaft, deren überwältigende Mehrheit eine andere Sprache – die Lautsprache – spricht und sich in ihr eingerichtet hat. Und welche wichtige Rolle muttersprachliche Inseln für das eigene Wohlbefinden, die individuelle und die kollektive Identität spielen, weiß jeder, der längere Zeit im Ausland verbracht oder sich mit dem Expat-Phänomen beschäftigt hat.

DeafSpace nimmt aber nicht nur den Aufruf zu Barrierefreiheit beim Wort und entwirft Diversität als architektonisches Prinzip. Im Sinne des Anspruchs des Universal Design, Umgebungen zu schaffen, die von so vielen Menschen wie möglich ohne weitere Anpassungen genutzt werden können, stellt DeafSpace die Frage, welchen universellen Beitrag DeafSpace für die Wahrnehmung und die Sensorien von Nicht-Hörgeschädigten leisten kann. „DeafGain“ – und nicht etwa „HearingLoss“ – ist also das Motto der Stunde. Sind Sie dabei?